Was bleibt, wenn die Form geht?
Das Sterben von Lebensabschnitten
Aktuell spielt Philipp Hochmair den Jedermann und ich kann kaum wegsehen.
Es ist seine Körperlichkeit, die mich trifft. Dieses Aufbäumen, Winden, Ringen. Die ungeheure Kraft, mit der sich dieser Mensch gegen etwas stemmt, das längst unausweichlich geworden ist. Und dann diese Starre. Augenblicke, in denen die Bewegung beinahe vollständig aus ihm weicht.
Ich spüre beim Zuschauen, wie dieses Ringen zerreißt.
Hugo von Hofmannsthal hat mit Jedermann. Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes vor mehr als hundert Jahren eine existentielle Frage auf die Bühne gebracht, die weit über die Geschichte dieses einen reichen Mannes hinausreicht: Was bleibt, wenn einem Menschen die Sicherheiten und Formen seines bisherigen Lebens entgleiten?
Diese Frage ist alt. Und sie ist zutiefst gegenwärtig.
Hofmannsthals Stück steht selbst in einer viel älteren Tradition der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Spiele vom Sterben des Menschen. In seinem Jedermann tritt der Tod nicht als abstrakter Gedanke auf. Er kommt. Er spricht. Er fordert. Er beendet die Illusion, wir könnten über unsere Zeit verfügen.
Und plötzlich verlieren die Dinge, auf die Jedermann sein Leben gebaut hat, ihre vermeintliche Sicherheit. Besitz, Geld, gesellschaftliche Stellung, Beziehungen. Nichts davon kann verhindern, was geschehen wird. Angesichts des Todes wird aus der Frage, was ein Mensch besitzt, eine viel Grundsätzlichere:
Was bleibt von ihm?
Gerade darin liegt eine der großen Bedeutungen dieses Stückes für unsere heutige Gesellschaft.
Wir haben das Sterben weit aus unserem alltäglichen Leben herausgerückt. Der Tod findet häufig dort statt, wo wir ihn kaum sehen: in Kliniken, Pflegeeinrichtungen, Hospizen. Wir sprechen über Gesundheit, Langlebigkeit und Selbstoptimierung und viel seltener darüber, dass Endlichkeit zu unserem Leben gehört.
Der Jedermann tut das Gegenteil.
Der Tod mitten auf dem Platz
Er stellt den Tod mitten auf den Platz. Mitten in Salzburg. Vor den Dom. Vor die Menschen. Und jedes Jahr wird dort öffentlich eine Geschichte vom Sterben erzählt.
Allein darin liegt für mich etwas Kostbares. Denn eine lebendige Sterbekultur bedeutet nicht, den Tod größer zu machen als das Leben. Sie bedeutet, ihn wieder als Teil des Lebens anzuerkennen. Und gerade deshalb können wir anders über das Leben sprechen, wenn wir aufhören, seine Endlichkeit aus unserem Blickfeld zu verbannen.
Und dann ist da Philipp Hochmair. Seine Interpretation lässt mich Hofmannsthals alte Frage noch einmal anders erleben. Er spricht sie nicht nur aus. Er verkörpert sie.
Bei ihm scheint die Begegnung mit der Endlichkeit durch jede Faser zu gehen. Sein Jedermann bäumt sich auf, windet sich, wird laut, kämpft, verliert sich in Bewegung. Und fällt in eine Starre, die beinahe ebenso gewaltig wirkt wie das Aufbegehren zuvor.
Hochmair lässt mich das Ringen nicht nur verstehen. Er lässt mich das Zerreißen fühlen. Da ist ein Mensch, der mit jeder Faser festhalten will, während etwas in ihm längst weiß, dass Festhalten keine Möglichkeit mehr ist. Als würden zwei Wahrheiten gleichzeitig durch ihn hindurchgehen. Die eine bäumt sich auf und ruft: Ich will weiter. Die andere weiß längst: So geht es nicht weiter.
Keine dieser beiden Wahrheiten ist weniger wahr. Und genau das ist es, was einen Menschen so zerreißen kann.
Wenn die Körperin längst gesprochen hat
Erst an diesem Punkt beginnt meine eigene Resonanz mit dem Stück. Denn ich kenne dieses Ringen.
Ich kenne eine Körperin, die längst gesprochen hat, während der Verstand noch verhandelte. Ich kenne das Festhalten, das immer neue Austarieren, die ungeheure Anstrengung, in Verbindung zu bleiben und eine Balance zwischen dem zu halten, was in mir weiterleben und wirken will, und dem, was meine Körperin tragen kann.
Drei Jahre lang war diese Balance keine ruhige Mitte. Sie war Bewegung, Anstrengung, Hoffnung, Schmerz, Aufbäumen und manchmal auch Starre.
Diese Geschichte ist erzählt. Sie ist gelebt. Sie ist gefühlt. Sie gehört zu mir.
Doch während ich heute Hochmairs Jedermann dabei zusehe, wie er mit dem Unabwendbaren ringt, merke ich, dass sich etwas verändert hat.
Ich erkenne das Ringen. Ich habe aufgehört damit zu hadern. Und damit verändert sich auch die Frage.
Sie lautet nicht mehr:
Wie kann ich verhindern, dass etwas endet?
Sie lautet:
Was bleibt, wenn es endet?
- Was bleibt, wenn eine vertraute Form meines Lebens stirbt?
- Was bleibt, wenn ein Business endet, aber die Schöpferinnenkraft, aus der es entstanden ist, noch immer da ist?
- Was bleibt, wenn die Körperin andere Möglichkeiten vorgibt als der Verstand einst für das eigene Leben vorgesehen hatte?
- Was bleibt, wenn ich aufhöre, meine ganze Kraft dafür einzusetzen, die Balance zwischen dem Gewesenen und dem, was heute ist, halten zu wollen?
Was bleibt von mir, wenn …?
Genau mit dieser Frage beginnt eine neue Schwelle.
Die nächste Erkenntnis, nicht die nächste Geschichte.
Wenn die Frage zu meiner eigenen wird: Was bleibt?
Diese Frage ist für mich längst keine philosophische mehr.
Ich kenne das Sterben mitten im Leben. Ich kenne das Ende einer beruflichen Existenz, die ich mit meiner Kraft, meiner Kreativität und meiner Liebe aufgebaut habe. Ich kenne den Verlust einer Form meines Wirkens, die über viele Jahre zu meinem Selbstverständnis gehörte. Und ich kenne noch ein anderes Sterben: das Sterben körperlicher Fähigkeiten.
Dinge, die meine Körperin einmal selbstverständlich konnte, sind heute so nicht mehr möglich. Beweglichkeit, Belastbarkeit, Ausdauer, körperliches Wirken. Fähigkeiten, über die ich kaum nachdenken musste, bis sie ihre Selbstverständlichkeit verloren. Auch darum darf ich trauern.
Denn mit diesen Fähigkeiten sind für mich Freiheiten gegangen, vertraute Möglichkeiten zu wirken und auch ein Teil meiner Vorstellung davon, wie ich mein Leben leben werde. Das Sterben meiner körperlichen Fähigkeiten und das Sterben meines bisherigen Wirkens sind eng miteinander verwoben. Während meine körperlichen Möglichkeiten gingen, begann auch die Form meines Wirkens zu sterben, die auf genau diesen Möglichkeiten aufgebaut war.
Drei Jahre lang habe ich versucht, in Verbindung zu halten, was immer weiter auseinanderdriftete. Da war meine ungebrochene Lust zu gestalten, zu wirken, Frauen zu begleiten, Räume zu öffnen und Ideen Wirklichkeit werden zu lassen. Und da war meine Körperin, deren Schmerz immer deutlicher wurde und deren Fähigkeiten sich veränderten.
Beides war wahr. Genau darin lag das Zerreißen.
Ich wollte weiter. Meine Schöpferinnenkraft wollte weiter. Mein Verstand suchte Lösungen, neue Wege, Anpassungen und immer wieder diese eine Balance, in der ich glaubte, beides miteinander in Verbindung halten zu können. Und meine Körperin sprach.
Heute erkenne ich, wie viel Kraft mich dieses Zusammenhalten gekostet hat.
Und ich erkenne noch etwas. Diese vergangenen Jahre tragen weit mehr in sich als das Sterben meines Business und den Verlust körperlicher Fähigkeiten. In ihnen liegen emotionale Herausforderungen, zerbrochene Verbindungen zu Menschen, die mir sehr nah waren, Abschiede und Verluste, deren Geschichten an anderer Stelle erzählt sind.
Sie gehören zu mir.
Gestern saß ich in meiner Kunsttherapie vor einem weißen Blatt. Hinter mir liegen acht Wochen Klinik und so viele Monate und Jahre des Erzählens, Fühlens, Ringens und Haltens. Ich beginne zu gestalten. Ich suche Bilder aus, reiße sie aus dem Papier, lege sie auf das Blatt. Farbe kommt dazu. Flächen entstehen, berühren sich, fließen ineinander. Ich plane keine Geschichte. Und doch liegt am Ende eine vor mir.
Als ich mein Bild betrachte, sehe ich Wald, Blüten, Wasser, Farbe und Weite. Ich sehe Eis und Starre. Ich sehe gerissene Kanten. Ich sehe unterschiedliche Welten, die auf demselben Blatt existieren und miteinander verbunden bleiben.
Und ich sehe diese eine Form.
Zuerst sehe ich darin ein Gefäß.
Dann drehe ich das Bild um neunzig Grad und aus dem Gefäß wird eine Axt.
Ich schaue darauf und lege dieses Bild auf keine eindeutige Bedeutung fest. Es trägt mehr als eine Wahrheit. So wie diese vergangenen Jahre mehr als eine Wahrheit tragen.
Ich sehe darin meine Lebendigkeit und meine Starre. Mein Wollen und meine Grenzen. Verbindung und Trennung. Das Festhalten und den Abschied. Ich sehe die Kraft, mit der ich versucht habe, all das miteinander in Balance zu halten.
Und ich sehe die gerissenen Kanten. Auch sie gehören dazu.
Ich spüre darin die Verluste dieser Jahre, ohne jeden einzelnen wieder benennen zu müssen. Menschen, Beziehungen, Sicherheiten, körperliche Fähigkeiten, mein Business, Vorstellungen von meinem Leben. All das ist in mir miteinander verwoben. Es lässt sich nicht ordentlich voneinander trennen und braucht heute auch keine einzelne Geschichte mehr.
Das Bild hält, was ich nicht mehr halten brauche
Während ich mein Bild anschaue, geschieht etwas Entscheidendes.
Ich muss diese verschiedenen Welten nicht mehr zusammenhalten.
Das Bild hält sie bereits.
Wald und Eis dürfen gleichzeitig da sein. Lebendigkeit und Starre. Schönheit und Schmerz. Verbindung und Trennung. Das, was geblieben ist, und das, was gegangen ist. Ich muss keine Seite mehr gegen die andere verteidigen. Und genau dort begegnet mir Hochmairs Jedermann wieder.
Ich sehe sein Aufbäumen, sein Winden, seine Starre. Ich fühle dieses Zerreißen zwischen Festhalten und Unabwendbarkeit so tief, weil ich es kenne. Weil meine Körperin es kennt. Weil ich drei Jahre lang versucht habe, eine Balance zu halten zwischen dem, was in mir weiterwollte, und dem, was längst zu Ende ging. Doch heute schaue ich anders darauf. Ich erkenne mein Ringen. Ich erkenne meine Verluste. Ich erkenne die Kraft, die es mich gekostet hat. Und ich erkenne, dass ich dieses Ringen nicht mehr fortsetzen muss.
Die Geschichte ist erzählt. Sie ist gelebt. Sie ist gefühlt.
Etwas von dem, was ich konnte, ist gestorben. Etwas von dem, wie ich wirkte, ist gestorben. Beziehungen und Sicherheiten sind gegangen. Vorstellungen von meinem Leben haben ihre Form verloren.
Und ich bin geblieben.
Hier begegnen sich für mich der Jedermann und die jederFrau. Philipp Hochmair verkörpert in der aktuellen Interpretation einen Jedermann, der mit jeder Faser mit dem Unabwendbaren ringt. Die jederFrau in mir kennt dieses Ringen. Doch sie hadert nicht mehr. Sie erkennt.
Die Energie der jederFrau – Sie erkennt.
Ich spüre diese jederFrau gerade sehr deutlich in mir.
Ihre Energie fühlt sich anders an als die Kraft, mit der ich mich über Jahre durch mein Ringen bewegt habe. Ich brauche meine Kraft nicht mehr zum Festhalten und Zusammenhalten. Das Gewesene darf seinen Platz einnehmen. Das ständige Austarieren zwischen Wollen und Können, zwischen dem, was einmal möglich war, und dem, was heute ist, darf enden.
Diese Kraft wird frei. Sie sammelt sich wieder in mir. Aus dem Ringen wird Gegenwärtigkeit. Aus dem Festhalten entsteht Raum. Die Kraft, die so lange im Zusammenhalten gebunden war, kehrt zu mir zurück. Ich spüre sie gesammelt. Wach. Gegenwärtig.
Sie gehört wieder mir.
Und während ich das schreibe, weiß ich, dass diese Erfahrung größer ist als meine eigene Geschichte. Auch in Dir lebt diese jederFrau.
Du kennst Deine eigenen Schwellen. Deine Abschiede tragen andere Namen als meine. Andere Menschen sind gegangen, andere Lebensentwürfe haben sich erfüllt oder sind zerbrochen, andere Fähigkeiten haben sich verändert. Du kennst die Formen Deines Lebens, an denen Du festgehalten hast, weil sie einmal zu Dir gehörten.
Du kennst auch Deine eigene Kraft, mit der Du versucht hast, etwas zusammenzuhalten, dessen Zeit längst erfüllt war.
Die Geschichten unterscheiden sich.
Die Bewegung kennen wir Frauen.
Wir werden. Wir wandeln uns. Wir verlieren. Wir verabschieden. Wir trauern. Wir gehen über Schwellen. Und immer wieder begegnen wir der Frage, wer wir sind, wenn eine vertraute Form unseres Lebens endet.
Die jederFrau weiß um diese Endlichkeit. In mir beginnt sie gerade, sich anders auszurichten.
Ich erkenne meine Körperin als diejenige, die längst gesprochen hat. Ich erkenne meine Lebendigkeit auch dort, wo Fähigkeiten gegangen sind. Ich erkenne meine Schöpferinnenkraft, auch wenn sie heute anders fließt als früher. Und ich erkenne meinen Wert jenseits dessen, was ich leiste, halte oder hervorbringe.
Ich bin da.
Und auch Du bist mehr als die Formen, durch die Dein Leben bisher sichtbar geworden ist. Deine Rollen dürfen sich verändern. Fähigkeiten dürfen sich verändern. Beziehungen und Lebensabschnitte dürfen enden. Dein Wirken darf seine Gestalt wechseln. Etwas Tieferes bleibt. Die jederFrau in Dir kennt diesen Ort. Sie entsteht auch nicht erst an der Schwelle. Sie war die ganze Zeit da. Unter dem Ringen. Unter dem Festhalten. Unter all den Vorstellungen davon, wie Dein Leben aussehen sollte.
Sie ist die Frau, die erkennt. Und aus diesem Erkennen heraus verändert sich die alte Frage.
Was bleibt?
Ich stelle sie heute anders als noch vor drei Jahren.
Und Du darfst sie mitnehmen in Dein eigenes Leben:
- Was bleibt von Dir, wenn die Form geht?
- Was bleibt, wenn Du Dich jenseits dessen erkennst, was Du einmal konntest, geleistet, gehalten und erschaffen hast?
- Was bleibt, wenn Du für einen Augenblick all die Namen, Rollen und Formen beiseitelegst, über die Du Dich bisher erkannt hast?
Meine Antwort beginnt sich gerade erst vollständig zu zeigen. Und Deine darf Deine eigene sein.
Die jederFrau kennt das Sterben von Formen. Und irgendwann steht sie an der Schwelle, schaut auf das, was gegangen ist, und erkennt:
Ich bin noch da.
Und jetzt gebe ich diese Frage an Dich weiter.
- Welche Form ist in Deinem Leben bereits gegangen?
- Welche hast Du lange versucht zu halten, obwohl Du längst gespürt hast, dass ihre Zeit erfüllt war?
- Was ist in Deinem Leben gestorben: eine Rolle, eine Beziehung, eine Fähigkeit, ein Traum, eine Vorstellung davon, wer Du bist oder wie Dein Leben sein wird?
Und wenn Du heute darauf schaust: Was ist geblieben?
Ich lade Dich ein, dieser Frage einen Moment Raum zu geben. Du brauchst darauf keine fertige Antwort. Manchmal beginnt etwas bereits damit, dass wir eine Frage wirklich an uns heranlassen.
Und wenn Du Deine Gedanken teilen magst, schreib sie unter diesen Artikel.
Dadurch entsteht der Raum, in dem wir Frauen sichtbar machen, dass zu unserem Leben auch das Sterben von Formen gehört. Ein Raum, in dem wir unsere Geschichten weder vergleichen noch auflösen brauchen, sondern einander darin begegnen dürfen.
Und damit trägt die jederFrau das Sterben wieder dorthin, wo auch Hofmannsthals Jedermann es vor mehr als hundert Jahren gestellt hat:
in die Mitte der Gesellschaft. Sie trägt es zugleich in das weibliche Feld.
Sie spricht über das Sterben am Ende des Lebens und über die vielen Formen des Sterbens mitten im Leben. Über Lebensabschnitte, die enden. Über Fähigkeiten, die gehen. Über Beziehungen, Rollen, Sicherheiten und Vorstellungen, deren Zeit erfüllt ist.
Sie gibt dem Ende einen Platz. Sie gibt der Trauer einen Platz.
Sie gibt der Leere zwischen dem Gewesenen und dem Kommenden einen Platz.
Und sie erinnert uns daran, dass wir Frauen auch darin miteinander verbunden sind.
Was bleibt von Dir, wenn die Form geht?
Ich freue mich, von Deiner jederFrau zu lesen.


Meine liebe Claudia
Was für ein wunderbarer Artikel! Gerade heute habe ich mich genau darüber unterhalten. Und weiß, dass ich in diese Fragen eintauchen darf, um meine Essenz zu finden. Deine Fragen nehme ich wie ein Geschenk mit mir. Dank für dein offenes Mitteilen.
Herzensdank
Corinna
Liebe Corinna,
wie schön, dass auch du im Forschen zu diesem Thema bist. Lass uns im Austausch dazu bleiben für uns und das weibliche Feld.
Herzensgruß zu Dir Claudia