Samhain · Wenn die dunkle Jahreshälfte beginnt
Zwischen den Welten · Von alten Bräuchen, weiblichen Zyklen
und den Schwellen des Lebens
Inhalt
Samhain. Sprich: Sau-in.
Am 31. Oktober beginnt mit Samhain, einem der bedeutenden Feste der gälisch-keltischen Tradition, die dunkle Jahreshälfte. Die Ernte ist eingebracht, die Tage werden kürzer und die Natur zieht sich zurück. Für die Menschen früherer Zeiten bedeutete dieser Übergang weit mehr als einen Wechsel der Jahreszeiten. Die Vorräte mussten für den Winter reichen, die Gemeinschaft rückte enger zusammen und das Leben verlagerte sich zunehmend nach innen. In der gälischen Überlieferung gilt Samhain außerdem als besondere Schwellenzeit, in der die Grenzen zwischen der sichtbaren Welt und der Anderswelt durchlässiger werden. Es ist eine Zeit der Erinnerung an unsere Ahninnen und Ahnen. An Menschen, deren Geschichten, Entscheidungen und Erfahrungen bis in unser heutiges Leben hineinwirken.
Samhain erinnert uns daran, dass auch das Vergehen zum Leben gehört.
Im Rhythmus der Erde und unserer eigenen Natur
Wir Menschen sind Teil der Natur und ihrer wiederkehrenden Rhythmen. Auch wenn unser heutiger Alltag uns manchmal etwas anderes glauben lässt. Der Jahreskreis lässt sich auf zwei Ebenen betrachten.
Der äußere Kreis zeigt sich im Erwachen des Frühlings, in der Fülle des Sommers, im Reifen und Ernten des Herbstes und in der Stille des Winters. Die Natur kennt Zeiten des Wachsens ebenso wie Zeiten des Vergehens. Sie verlangt von einem Samen keine Blüte mitten im Winter.
Der innere Kreis begegnet uns in unseren körperlichen, seelischen und emotionalen Bewegungen. Auch wir erleben Zeiten des Aufbruchs, der Fülle, des Rückzugs und der Veränderung.
Besonders deutlich können wir diese Bewegungen im weiblichen Körper wahrnehmen. Der Menstruationszyklus trägt seine eigenen Jahreszeiten in sich: die Blutzeit als Winter, das Heranreifen als Frühling, die Tage rund um den Eisprung als Sommer und die Zeit vor der nächsten Blutung als Herbst. Diese Bilder sind keine starren Vorgaben dafür, wie eine Frau sich zu fühlen hat. Sie laden dazu ein, die unterschiedlichen Qualitäten des eigenen Zyklus wahrzunehmen. Und auch wenn unsere Blutungen eines Tages enden, endet unsere zyklische Natur keineswegs.
Wir bleiben zyklische Frauen. Auch in den Jahren der stillen Zyklen. Unsere Lebensphasen tragen ebenfalls diese Bewegungen in sich. Von der Menarche über die fruchtbaren Jahre und die Wechseljahre bis hinein in die Jahre der gereiften Frau. Wir verabschieden uns von Lebensabschnitten, verlassen vertraute Wege und wachsen in neue Rollen hinein. Manchmal freiwillig. Manchmal, weil das Leben uns vor vollendete Tatsachen stellt.
Manchmal dauert es lange, bis unsere Seele dort angekommen ist, wo unser Leben längst steht.
Acht Feste im Rhythmus des Jahres
Im heute gebräuchlichen spirituellen Jahreskreis begegnen uns acht Feste. Vier orientieren sich am Lauf der Sonne: Ostara und Mabon markieren die Tagundnachtgleichen, Litha und Yule die Sonnenwenden. Dazwischen liegen Imbolc, Beltane, Lughnasadh und Samhain. Diese vier jahreszeitlichen Zwischenfeste werden in heutigen spirituellen Deutungen auch als Mondfeste bezeichnet. Ihre historischen Wurzeln liegen vor allem in den Festtraditionen der gälischen Kultur.
Samhain nimmt unter ihnen eine besondere Stellung ein. Es markiert den Beginn der dunklen Jahreshälfte und steht Beltane, dem Fest der aufsteigenden Lebenskraft, gegenüber. Beltane feiert das Werden. Samhain erinnert an das Vergehen. Beides gehört zum selben Kreis. Leben und Tod, Wachstum und Rückzug, Anfang und Ende sind miteinander verwoben.
Samhain. Die Schwelle zur dunklen Jahreshälfte
Mit Samhain begegnen sich der äußere und der innere Jahreskreis. Während die Natur in ihre Ruhezeit eintritt, rücken auch in unserem Leben Fragen nach Vergänglichkeit, Abschied und Erinnerung in den Vordergrund.
Was ist in unserem Leben zu Ende gegangen? Welche Menschen haben uns geprägt? Welche Erfahrungen tragen wir weiter, obwohl die Zeit, in der sie entstanden sind, längst vergangen ist? Samhain lädt uns ein, auch jenen Teilen unserer Geschichte Raum zu geben, die wir lieber übergehen würden.
Samhain und Allerseelen · Die Erinnerung an die Verstorbenen
Mit Samhain verbindet sich seit alter Zeit die Vorstellung einer besonderen Nähe zwischen der Welt der Lebenden und der Anderswelt. Eine verwandte Bedeutung begegnet uns im christlichen Allerseelen am 2. November. Während Allerheiligen am 1. November den Heiligen der Kirche gewidmet ist, steht an Allerseelen das Gedenken an die Verstorbenen im Mittelpunkt. Mit der Christianisierung überlagerten sich ältere Bräuche und christliche Traditionen. Ob die Novembertermine der kirchlichen Gedenktage unmittelbar auf Samhain zurückgehen, ist historisch umstritten.
Bis heute besuchen viele Familien rund um Allerheiligen und Allerseelen die Gräber ihrer Angehörigen, entzünden Lichter und erinnern sich an die Menschen, die vor ihnen gegangen sind. Die religiösen Vorstellungen unterscheiden sich. Doch das menschliche Bedürfnis, über den Tod hinaus verbunden zu bleiben, begegnet uns in beiden Traditionen. Unsere Ahninnen brauchten keinen kirchlichen Feiertag, um erinnert zu werden. Und unsere Toten brauchen auch heute keinen Heiligenschein.
Wenn eine Lebensaufgabe stirbt
Es gibt Abschiede, für die wir keine Gräber haben. Vor einem Jahr, um die Schwelle von Samhain, endete mit meinem Yogastudio eine Lebensaufgabe, die mich über viele Jahre geprägt hatte. Dieser Abschied fühlte sich für mich wie ein plötzlicher Tod an. Und auch wenn mit WEIB+WACH längst Neues entstanden ist, bleibt die Trauer um das Vergangene. Denn nicht jeder Neubeginn macht den Schmerz eines Abschieds kleiner.
Die Feuer von Samhain
Wenn die Ernte eingebracht war und die dunkle Jahreshälfte begann, rückten die Menschen näher an ihre Feuerstellen. Das Feuer schenkte Wärme, ermöglichte die Zubereitung von Nahrung und brachte die Gemeinschaft zusammen. In den langen Winternächten wurde es zum Mittelpunkt des häuslichen Lebens.
In den irischen Überlieferungen begegnen uns große Feuer, die mit Samhain verbunden waren. Einer der bekanntesten Orte ist der Hügel von Tlachtga, das heutige Hill of Ward in der irischen Grafschaft Meath. Der irische Geschichtsschreiber Geoffrey Keating berichtete im 17. Jahrhundert von einem Brauch, bei dem zu Samhain die Herdfeuer gelöscht und anschließend mit dem Feuer von Tlachtga neu entzündet wurden. Die Menschen sollen dieses neue Feuer in ihre Häuser getragen haben. Wie weit dieser Brauch tatsächlich in vorchristliche Zeiten zurückreicht, ist historisch nicht eindeutig geklärt. Welch ein Bild: Eine Gemeinschaft lässt ihre alten Feuer erlöschen und trägt gemeinsam neues Licht in die Häuser. An den Feuerstellen wurde gekocht, gearbeitet und erzählt. Geschichten wanderten von einer Generation zur nächsten. Erfahrungen wurden geteilt und Erinnerungen an Menschen wachgehalten, die einst selbst an diesen Feuern gesessen hatten.
Auch heute kennen wir die besondere Anziehungskraft eines Feuers. Wir sitzen zusammen, beobachten die Flammen, lauschen dem Knistern des Holzes. Manchmal entstehen lange Gespräche. Manchmal genügt es, gemeinsam schweigend ins Feuer zu schauen. Zu Samhain erinnert uns dieses Bild an die Wärme, die Menschen miteinander teilen können, während sich um sie herum das Leben verändert. Das Feuer brennt, verändert seine Gestalt und hinterlässt schließlich Asche. In seinen Flammen begegnen uns Werden, Vergehen und Wandel.
Es vertreibt die Dunkelheit nicht. Es brennt mitten in ihr.
Der Schleier zwischen den Welten wird dünn
In den alten irischen Erzählungen begegnet uns die Anderswelt als ein geheimnisvoller Bereich jenseits unserer vertrauten Wirklichkeit. Sie ist die Heimat übernatürlicher Wesen, ein Ort von Schönheit und Fülle, aber auch von Gefahren und Kräften, die sich der menschlichen Kontrolle entziehen. Ihre Zugänge vermutete man an besonderen Orten: in Höhlen, an Gewässern und unter alten Grabhügeln. Vor allem die sogenannten Sídhe, geheimnisvolle Hügel, hinter denen sich nach irischem Glauben die Wohnstätten der Anderswelt verbargen, spielen in zahlreichen Überlieferungen eine bedeutende Rolle.
Zu Samhain rückte diese verborgene Welt besonders nahe. Wesen der Anderswelt konnten unter die Menschen treten, vertraute Ordnungen ins Wanken bringen und Ereignisse auslösen, deren Ausgang niemand vorhersehen konnte. Samhain öffnet in diesen Geschichten eine Schwelle, an der die vertraute Welt ihre festen Grenzen verliert.
Das Bild vom dünner werdenden Schleier zwischen den Welten stammt vor allem aus heutigen spirituellen Beschreibungen. Es gibt einer alten Vorstellung einen anschaulichen Ausdruck: Für eine besondere Zeit scheinen sich die sichtbare Welt und jene geheimnisvolle Wirklichkeit, von der die Menschen seit Jahrhunderten erzählen, beinahe zu berühren. Und manchmal kennen auch wir Augenblicke, in denen sich etwas längst Vergangenes plötzlich ganz nah anfühlt. Ein vertrauter Geruch, ein Lied oder eine Erinnerung genügt, und für einen Moment scheint die Zeit ihre gewohnte Ordnung zu verlieren.
Darin liegt wohl eine der berührendsten Verbindungen zwischen diesen alten Geschichten und unserem heutigen Leben: Die Vergangenheit kann uns nahe sein, auch wenn wir sie längst hinter uns gelassen haben. Besonders deutlich begegnet uns das in der Erinnerung an unsere Ahninnen und Ahnen.
Die Ahninnen und Ahnen
Wer waren die Frauen, deren Leben unserem eigenen vorausging? Welche Wege sind sie gegangen, welche Entscheidungen durften sie treffen und welche wurden ihnen abgenommen? Was haben sie geliebt, ertragen, verschwiegen und an ihre Töchter weitergegeben? Mit Samhain begegnen wir auch der Erinnerung an jene Menschen, die vor uns gelebt haben. In späteren Überlieferungen und regionalen Bräuchen wurden Speisen für Verstorbene bereitgestellt, Plätze freigehalten und ihre Geschichten erzählt.
Mit dem Tod eines Menschen endet sein Leben. Seine Geschichte wirkt weiter. Wir tragen die Spuren unserer Vorfahren in uns. In unseren Körpern, unseren Familiengeschichten, in vertrauten Gesten, überlieferten Fähigkeiten und manchmal sogar in Worten, deren Ursprung wir längst vergessen haben. Besonders die Geschichten unserer Ahninnen verdienen Aufmerksamkeit. Über Jahrhunderte wurden die Lebensgeschichten von Frauen seltener aufgeschrieben und bewahrt als die der Männer. Ihre Arbeit, ihre Erfahrungen mit Schwangerschaft und Geburt, ihre Kenntnisse über Pflanzen, Ernährung und Fürsorge gehörten zum Alltag, fanden aber kaum einen Platz in den großen Geschichtsbüchern.
Und doch haben diese Frauen gelebt. Sie haben geboren und Kinder verloren, geliebt, gearbeitet, gelacht und getrauert. Manche widersetzten sich den Erwartungen ihrer Zeit. Andere fanden innerhalb enger gesellschaftlicher Grenzen ihre eigenen Wege. Wieder andere mussten sich Verhältnissen fügen, die ihnen kaum eine Wahl ließen.
Wir stammen von Frauen ab, deren Namen wir oftmals nicht einmal kennen.
Doch nicht jede Geschichte unserer Herkunft ist eine Geschichte von Liebe und Geborgenheit. Auch Schweigen, Ablehnung, Gewalt und Verletzungen wurden über Generationen weitergetragen. Glaubenssätze und Verhaltensweisen gingen von Müttern auf Töchter über, ohne dass ihre Ursprünge noch hinterfragt wurden. Eine Ahnin zu würdigen bedeutet, ihre Geschichte anzuerkennen. Wie wir ihr Handeln bewerten und welchen Platz sie in unserem Leben erhält, entscheiden wir selbst. Wir können die Lebensumstände unserer Vorfahrinnen verstehen, ohne die Folgen ihres Handelns zu beschönigen. Mitgefühl schließt klare Grenzen nicht aus. Und Erinnerung verpflichtet weder zur Vergebung noch zur Versöhnung.
Darin liegt auch weibliche Selbstbestimmung: Wir können überlieferte Glaubenssätze hinterfragen und entscheiden, was wir an die nächsten Generationen weitergeben möchten. Und was mit uns enden soll. Unsere weibliche Herkunft reicht jedoch über die eigene Blutlinie hinaus. Auch Lehrerinnen, Freundinnen, Weggefährtinnen und andere Frauen können unser Leben tief geprägt haben. Frauen, die uns ermutigt, begleitet, herausgefordert oder uns gezeigt haben, dass ein anderer Weg möglich ist. Nicht jede Frau, die uns etwas mitgegeben hat, gehört zu unserer Familie. Und nicht jede Frau aus unserer Familie muss uns nahestehen.
Dieser vielschichtigen weiblichen Herkunft widme ich mich in WEIB+WACH · Ausgabe 3 mit „Die 12 Nächte der Ahninnen“. Zwölf Rauhnächte, in denen wir den Spuren der Frauen vor uns begegnen und betrachten, was über Generationen weitergetragen wurde. Am Tag der Schwelle treten wir schließlich selbst in den Kreis unserer Ahninnen und nehmen unseren Platz als lebendige Frau in dieser langen Geschichte ein.
Unsere Ahninnen sind Teil unserer Geschichte. Doch wir sind die Frauen, die heute darüber entscheiden, wie diese Geschichte weitergeht.
Alte Bräuche zur Schwellenzeit
Rund um Samhain entwickelten sich über die Jahrhunderte vielfältige Bräuche. Manche wurzeln in älteren irischen und schottischen Überlieferungen, andere entstanden erst in späteren Jahrhunderten. Sie erzählen von Gemeinschaft, Erinnerung, Zukunftshoffnungen und der Faszination für das Unbekannte.
Speisen für die Lebenden und die Verstorbenen
Gemeinsames Essen gehörte zur herbstlichen Festzeit. Nach der Ernte konnten die Menschen noch einmal von der Fülle des vergangenen Jahres zehren, bevor die entbehrungsreichen Wintermonate begannen. In späteren irischen und schottischen Bräuchen wurden auch Speisen für verstorbene Angehörige bereitgestellt oder Plätze für sie freigehalten. Dahinter stand die Vorstellung, dass die Toten in dieser besonderen Zeit den Lebenden nahe sein konnten. Ein Platz am Tisch konnte damit auch jenen gehören, die längst nicht mehr unter den Lebenden weilten.
Verkleidungen und geheimnisvolle Besucher
In Irland und Schottland gehörten Verkleidungen und das Umherziehen von Haus zu Haus zu den überlieferten Herbstbräuchen späterer Jahrhunderte. Menschen verbargen ihre Gesichter, sangen, führten kleine Darbietungen auf und erhielten dafür Speisen oder andere Gaben. Mit diesen Bräuchen verbanden sich Geschichten über Wesen der Anderswelt. Nach späteren Deutungen sollten Masken davor schützen, von übernatürlichen Besuchern erkannt zu werden. Zugleich konnten Verkleidungen die gewohnte Ordnung für eine Weile auf den Kopf stellen. Aus vertrauten Nachbarn wurden geheimnisvolle Gestalten, die plötzlich vor der Tür standen. Ein wenig Schabernack durfte offenbar auch damals nicht fehlen.
Äpfel, Nüsse und ein Blick in die Zukunft
In späteren Volksbräuchen galt die Zeit um Samhain als besonders geeignet, einen Blick in die Zukunft zu werfen. Äpfel und Nüsse spielten dabei eine wichtige Rolle. Nüsse wurden ins Feuer gelegt und ihr Verhalten gedeutet. Apfelschalen sollten Hinweise auf den Namen eines zukünftigen Ehemannes geben. Häufig drehten sich diese Orakel um Liebe und Heirat. Was heute wie ein harmloses Spiel erscheint, hatte für junge Frauen damals einen ernsten Hintergrund. Eine Heirat entschied häufig über ihre wirtschaftliche Absicherung, ihren gesellschaftlichen Platz und ihre Möglichkeiten, das eigene Leben zu gestalten. Hinter den Orakeln standen deshalb nicht nur romantische Hoffnungen, sondern auch ganz handfeste Zukunftssorgen.
Und bei aller Liebe zu alten Bräuchen: Unser Wert hängt gewiss nicht davon ab, ob uns eine Apfelschale den Namen eines Mannes verrät.
Von ausgehöhlten Rüben und leuchtenden Gesichtern
Lange bevor der orangefarbene Kürbis zum Symbol von Halloween wurde, schnitzten Menschen in Irland und Schottland Gesichter in Rüben und andere Wurzelgemüse. Ein Licht im Inneren verwandelte sie in unheimlich leuchtende Laternen. Diese später überlieferten Bräuche verbanden sich mit Geschichten über umherirrende Seelen und geheimnisvolle Gestalten. Mit irischen und schottischen Einwanderern gelangten verwandte Traditionen nach Nordamerika. Dort wurden zunehmend Kürbisse verwendet, die sich wegen ihrer Größe und Beschaffenheit besonders gut zum Schnitzen eigneten. Aus den alten Rübenlaternen entwickelte sich eines der bekanntesten Bilder des heutigen Halloween.
Was von den alten Bräuchen geblieben ist
Samhain, spätere regionale Volksbräuche, christliche Einflüsse und das heutige Halloween gehören zu unterschiedlichen Schichten einer langen Geschichte. Nicht alles, was wir heute mit Samhain verbinden, lässt sich bis in die vorchristliche Zeit zurückverfolgen. Doch die Menschen haben über Jahrhunderte gemeinsam gegessen, ihrer Verstorbenen gedacht, Geschichten erzählt, sich verkleidet, gelacht und neugierig auf das Unbekannte geblickt. Manches davon ist uns bis heute erstaunlich vertraut.
Die drei dunklen Göttinnen am Wegesrand von Samhain
Wer den alten Geschichten rund um die dunkle Jahreszeit folgt, begegnet auch drei mächtigen Frauengestalten: Cailleach, Morrígan und Cerridwen. Sie stammen aus unterschiedlichen irischen, schottischen und walisischen Überlieferungen. Ihre gemeinsame Betrachtung als drei dunkle Göttinnen gehört zu den heutigen spirituellen Deutungen, nicht zu einer historisch überlieferten Samhain-Tradition. Doch eines verbindet sie: Keine von ihnen hat die geringste Absicht, den Erwartungen an eine gefällige Weiblichkeit zu entsprechen.
Cailleach · Die Verschleierte
In schottischen und irischen Überlieferungen begegnet uns Cailleach als uralte Frauengestalt, verbunden mit Winter, Bergen und der ungezähmten Kraft der Natur. In manchen Erzählungen legt sie mit Beginn der dunklen Jahreshälfte ihren winterlichen Mantel über die Landschaft. Cailleach verkörpert eine Macht, die nicht an Jugendlichkeit gebunden ist. Während unsere Gesellschaft Frauen noch immer vermittelt, dass ihr Wert mit zunehmendem Alter schwindet, tritt uns hier eine Alte entgegen, deren Kraft gerade in ihrer gereiften Gestalt sichtbar wird.
Die Verschleierte interessiert sich herzlich wenig für Anti-Aging-Versprechen. Sie nimmt ihren Platz ein und überlässt die ewige Jagd nach Jugendlichkeit getrost anderen.
Morrígan · Die Krähe des Schicksals
Morrígan begegnet uns in der irischen Mythologie als machtvolle Gestalt, verbunden mit Krieg, Herrschaft, Weissagung und Schicksal. Häufig wird sie mit Krähen in Verbindung gebracht. In einer Überlieferung trifft sie zur Zeit von Samhain auf den Dagda und besitzt damit eine unmittelbare Verbindung zu dieser Schwellenzeit.
Ihre Geschichten erzählen von Macht, Konflikten und dem Wissen um bevorstehende Kämpfe.
Für mich steht Morrígan auch für jene weibliche Kraft, die sich nicht länger zum Schweigen bringen lässt. Denn Frauen wurde über Jahrhunderte beigebracht, verständnisvoll und nachgiebig zu bleiben, selbst wenn ihre Grenzen längst überschritten waren.
Morrígan erinnert daran, dass Widerstand manchmal notwendig ist. Und dass eine Frau nicht friedfertig bleiben muss, nur damit andere sich mit ihrer Stärke wohler fühlen.
Cerridwen · Die Hüterin des Kessels
Aus der walisischen Überlieferung stammt Cerridwen, deren Geschichte eng mit einem magischen Kessel verbunden ist. Darin bereitet sie einen Trank der Weisheit und Inspiration zu. Doch durch eine unerwartete Wendung gelangen die entscheidenden Tropfen an den jungen Gwion Bach.
Es folgt eine wilde Verfolgungsjagd voller Gestaltwandlungen, an deren Ende Gwion als der sagenhafte Dichter Taliesin wiedergeboren wird.
Cerridwens Kessel gilt in heutigen spirituellen Deutungen als Sinnbild der Verwandlung. Doch ihre ursprüngliche Geschichte ist keineswegs eine sanfte Erzählung vom glücklichen Neubeginn. Sie handelt auch von Zorn, Verfolgung und Ereignissen, die sich jeder Kontrolle entziehen.
Nicht jede Veränderung ist willkommen. Und nicht jeder Verlust muss sich am Ende als Geschenk erweisen.
Cerridwen erinnert an die Unberechenbarkeit des Lebens. Was aus einer Veränderung hervorgeht, wissen wir häufig erst, wenn wir längst mittendrin stehen.
Drei Gestalten, drei unterschiedliche Kräfte
Cailleach begegnet uns im Alter, Morrígan im Widerstand und Cerridwen in der Verwandlung.
Sie stehen am Wegesrand von Samhain, jede mit ihrer eigenen Geschichte. Und jede widerspricht auf ihre Weise der Vorstellung, weibliche Kraft müsse stets sanft, gefällig und berechenbar sein.
Samhain als innere Schwelle
Die Schwellen, von denen Samhain erzählt, begegnen uns auch im eigenen Leben. Manche kündigen sich lange an, andere stehen plötzlich vor uns. Und nicht immer erkennen wir sofort, wie grundlegend sich etwas verändert hat und welche Bedeutung dieser Übergang für unser weiteres Leben haben wird.
Die Zeit dazwischen
Zwischen einem Ende und einem neuen Anfang liegt manchmal eine lange Zeit. Das Vertraute gehört bereits der Vergangenheit an, während das Kommende noch keine erkennbare Gestalt angenommen hat. Wir stehen an einer Schwelle, ohne zu wissen, wann und auf welche Weise wir sie überschreiten werden.
Gerade diese Schwellenzeiten passen schlecht in eine Gesellschaft, die möglichst schnelle Lösungen erwartet. Nach einem Rückschlag sollen wir uns aufrichten, neue Ziele finden und am besten gestärkt aus der Erfahrung hervorgehen. Für Erschöpfung, Orientierungslosigkeit und die schlichte Tatsache, dass wir manchmal nicht wissen, wie es weitergeht, bleibt dabei erstaunlich wenig Raum.
Wie schnell wird aus einer schmerzhaften Erfahrung eine Geschichte über persönliches Wachstum gemacht? Als wäre jeder Verlust eine Lektion und jedes Ende der Beginn von etwas Besserem. Doch das Leben schuldet uns keine solche Entwicklung, und wir müssen nicht aus jeder Erfahrung eine Erkenntnis gewinnen, um ihr einen Platz in unserer Geschichte geben zu können.
Die Natur kennt diesen Anspruch nicht. Im Herbst verlieren die Bäume ihre Blätter, die Felder liegen abgeerntet da und vieles zieht sich unter die Erde zurück. Was dort geschieht, bleibt für eine Weile unsichtbar. Die dunkle Jahreshälfte besitzt ihren eigenen Rhythmus, der weder nach Ergebnissen fragt noch einen bestimmten Zeitpunkt vorgibt, an dem etwas Neues entstehen muss.
Auch in unserem Leben gibt es solche Zeiten, in denen Fragen offenbleiben, vertraute Vorstellungen ihre Bedeutung verlieren und wir erst allmählich herausfinden, was uns künftig tragen wird. Nicht jede Lebensphase muss Ergebnisse hervorbringen. Manches braucht Zeit, bevor es überhaupt Worte findet.
Die Schwellen weiblicher Lebenswege
Für Frauen sind Lebensübergänge häufig mit einem ganzen Katalog gesellschaftlicher Erwartungen verbunden. Schon früh wird uns vermittelt, wann wir welche Erfahrungen machen, welche Aufgaben wir übernehmen und wie wir dabei auszusehen haben. Wir sollen Beziehungen führen, Kinder bekommen, beruflich erfolgreich sein und möglichst lange jung, attraktiv und leistungsfähig bleiben. Selbst für das Älterwerden scheint es gesellschaftliche Vorschriften zu geben.
Besonders deutlich wird dieser Widerspruch in den Wechseljahren. Während unsere Körperin ihren eigenen Wandel vollzieht, begegnet uns eine Gesellschaft, die diesen natürlichen Übergang noch immer vor allem als Verlust betrachtet. Das Ende der Blutungsjahre wird mit dem Verlust von Fruchtbarkeit, Jugendlichkeit und Attraktivität verknüpft, als würde damit auch die Bedeutung einer Frau abnehmen. Und während männliches Altern häufig mit Reife, Erfahrung und Autorität verbunden wird, sollen Frauen die sichtbaren Zeichen ihrer Lebensjahre möglichst lange verbergen.
Was mich daran besonders beschäftigt, ist die Selbstverständlichkeit, mit der von Frauen erwartet wird, diesen Übergang unauffällig zu bewältigen. Wir sollen altern, ohne alt auszusehen, Beschwerden möglichst geräuschlos ertragen und weiterhin allen Anforderungen gerecht werden. Unsere Körperin darf sich verändern, solange diese Veränderung weder sichtbar wird noch die Erwartungen anderer stört. Dabei ist das Älterwerden kein Makel, den wir kaschieren müssen, und die Wechseljahre sind keine gesellschaftliche Aufforderung, uns langsam aus dem sichtbaren Leben zurückzuziehen.
Gerade darin liegt wohl eine der unbequemsten Fragen, die Samhain an unsere heutige Gesellschaft richtet: Weshalb feiern wir den Frühling des Lebens so überschwänglich und tun uns so schwer damit, auch seinem Herbst einen selbstverständlichen Platz einzuräumen? Die alte Cailleach, der wir am Wegesrand begegnet sind, hätte darauf vermutlich eine ziemlich deutliche Antwort.
Was wir mit über die Schwelle nehmen
Wenn wir selbst an einer solchen Schwelle stehen, nehmen wir unsere bisherige Geschichte mit. Wir betrachten Entscheidungen neu, erkennen Zusammenhänge und begegnen dabei auch der Frau, die wir einmal waren. Manches, was uns früher selbstverständlich erschien, sehen wir heute mit anderen Augen. Und vielleicht stellen wir fest, dass bestimmte Vorstellungen und Verpflichtungen, die uns lange begleitet haben, nicht mehr zu unserem heutigen Leben passen.
Dabei können unterschiedliche Gefühle nebeneinander bestehen. Dankbarkeit für das Erlebte und Trauer über sein Ende, Stolz auf das Geschaffene und Enttäuschung darüber, wie etwas ausgegangen ist. Unsere Geschichte besteht aus glücklichen Jahren und schmerzhaften Erfahrungen, aus selbst gewählten Entscheidungen und Wendungen, die uns das Leben zugemutet hat. All das gehört zu uns, wenn wir weitergehen.
Manchmal überschreiten wir eine Schwelle voller Entschlossenheit, manchmal zögern wir und schauen noch einmal lange zurück. Und manchmal begreifen wir erst viel später, dass wir längst auf der anderen Seite angekommen sind. Entscheidend ist nicht, wie schnell wir weitergehen, sondern dass wir selbst darüber bestimmen dürfen, welche Erwartungen, Aufgaben und Lebensentwürfe wir auf unserem weiteren Weg noch mittragen möchten.
Wir dürfen um das Vergangene trauern und dem Kommenden dennoch einen Platz in unserem Leben geben. Beides gehört zu uns.
Doch wer bewacht eigentlich jene Schwellen, an denen unsere vertrauten Vorstellungen vom Leben ins Wanken geraten? Wer stellt uns Fragen, auf die wir selbst noch keine Antwort kennen, und fordert uns heraus, unseren eigenen Weg zu wählen?
An dieser Stelle begegnet uns eine Frauengestalt aus einer anderen Überlieferungswelt. Eine Alte, die tief im Wald lebt, deren Haus auf Hühnerbeinen steht und die herzlich wenig davon hält, Besucherinnen mit freundlichen Lebensweisheiten zu empfangen.
Baba Jaga wartet bereits.
Baba Jaga, die Hüterin der Schwelle
Tief in den Wäldern der slawischen Märchenwelt lebt eine Alte, deren Ruf ihr weit vorauseilt. Ihr Haus steht auf Hühnerbeinen, sie fliegt in einem Mörser durch die Lüfte, treibt sich mit einem Stößel voran und verwischt ihre Spuren mit einem Besen. Die Baba Jaga ist keine freundliche Märchenoma. Sie kann bedrohlich und grausam sein, aber auch helfen, Wissen weitergeben und entscheidende Hinweise schenken. Wer ihr begegnet, muss mit Prüfungen rechnen, deren Ausgang keineswegs feststeht. Mit dem gälischen Samhain hat sie historisch nichts zu tun. Doch als Hüterin jener Schwellen, an denen das Vertraute endet und das Ungewisse beginnt, passt sie ausgezeichnet an unseren Wegesrand. Denn gerade an solchen Schwellen wünschen wir uns Gewissheit. Wir möchten wissen, ob eine Entscheidung richtig ist, ob unser Mut belohnt wird und ob am Ende alles gut ausgeht. Baba Jaga hält von solchen Garantien herzlich wenig. Du stehst vor einer Entscheidung? Dann entscheide! Du kennst die Folgen noch nicht? Willkommen im Leben! Und wenn sich Deine Entscheidung später als falsch herausstellt? Dann gehört auch das zu Deinem Weg. Du darfst irren, umkehren, neu beginnen und Deine Meinung ändern. Selbstbestimmung bedeutet schließlich nicht, immer die richtige Entscheidung zu treffen. Sie bedeutet auch, Verantwortung für den eigenen Weg zu übernehmen, Grenzen zu ziehen und gelegentlich Erwartungen zu enttäuschen, die andere an uns stellen. Und wir dürfen älter werden, eigensinniger, deutlicher und unbequemer. Eine Frau, die ihre Lebenszeit zunehmend nach ihren eigenen Vorstellungen gestaltet, hat schließlich Wichtigeres zu tun, als sich ständig um die Erwartungen anderer zu kümmern. In WEIB+WACH · Ausgabe 2 habe ich Baba Jaga einen eigenen Artikel gewidmet. Dort darf sie ihre wilde, unbequeme Weisheit ausführlicher entfalten. Hier verabschieden wir uns an ihrer Hütte. Doch bevor wir weitergehen, stellt uns die Alte noch eine Frage, die erstaunlich einfach klingt und uns dennoch lange beschäftigen kann: „Was willst Du eigentlich, Frau?“ Mit dieser Frage im Gepäck kehren wir zurück zu Samhain und zu der Frage, welchen Platz diese alte Schwellenzeit in unserem heutigen Leben einnehmen kann.
Samhain heute – der Dunkelheit ihren Platz geben
Die Feuer von Tlachtga brennen längst in einer anderen Welt als jener, in der wir heute leben. Unsere Häuser werden elektrisch beleuchtet, unsere Vorräte kommen aus dem Supermarkt und die dunklen Wintermonate stellen uns vor andere Herausforderungen als unsere Vorfahrinnen und Vorfahren. Dennoch begegnet uns jedes Jahr derselbe Wandel. Die Tage werden kürzer, die Bäume verlieren ihre Blätter und die Natur verändert ihren Rhythmus. Wir können diese Bewegung beobachten, auch wenn unser Alltag von Terminen, Verpflichtungen und künstlichem Licht bestimmt wird. Der Herbst fragt schließlich herzlich wenig danach, ob unser Kalender noch Platz für ihn hat.
Wenn der Jahreskreis auf unseren Alltag trifft
Während sich die Natur auf die dunkle Jahreshälfte einstellt, nimmt unser gesellschaftliches Leben noch einmal kräftig Fahrt auf. Berufliche Projekte sollen vor dem Jahreswechsel abgeschlossen, Termine wahrgenommen und die letzten Aufgaben des Jahres erledigt werden. Gleichzeitig beginnt die Vorbereitung auf Weihnachten. Geschenke wollen besorgt, Feiern organisiert, Familienbesuche geplant und all jene Erwartungen erfüllt werden, die sich rund um das Fest der Liebe angesammelt haben.
Ausgerechnet die staade Zeit, wie wir sie in Bayern so schön nennen, entwickelt sich für viele Menschen zur hektischsten Zeit des Jahres. Gerade für Frauen bedeutet das nahende Weihnachtsfest häufig zusätzliche Arbeit. Denn neben Beruf, Familie und Alltag übernehmen sie vielerorts auch die Organisation jener besonderen Momente, die Weihnachten für alle anderen so schön machen sollen. Sie denken an Geschenke, planen das Festessen, behalten Termine im Blick und sorgen dafür, dass möglichst niemand vergessen wird. Während die einen von besinnlichen Feiertagen träumen, arbeiten die anderen daran, diese Besinnlichkeit überhaupt erst möglich zu machen.
Wie viel weibliche Arbeit steckt eigentlich in der Vorstellung von einem friedlichen Weihnachtsfest? Hier zeigt sich besonders deutlich, wie weit sich unsere moderne Lebensweise von den natürlichen Rhythmen entfernt hat. Während die Natur ihre Kräfte zurücknimmt, verlangen wir von uns selbst noch einmal Höchstleistungen. Und kaum ist Weihnachten vorüber, wartet bereits der nächste gesellschaftliche Anspruch: das neue Jahr mit frischen Vorsätzen, großen Zielen und möglichst viel Tatendrang zu beginnen. Als wäre der Winter eine lästige Unterbrechung unseres ständigen Vorwärtsstrebens.
Samhain führt uns diesen Widerspruch vor Augen. Was einst den bewussten Übergang in die dunkle Jahreshälfte markierte, trifft heute auf einen Alltag, der kaum zwischen Zeiten der Fülle und Zeiten des Rückzugs unterscheidet. Vielleicht lohnt es sich deshalb, gerade jetzt genauer hinzusehen, welche Aufgaben wir aus Gewohnheit übernehmen und welche Erwartungen wir erfüllen, obwohl sie längst zur Belastung geworden sind.
Mich beschäftigt dabei besonders, weshalb die Verantwortung für ein gelungenes Familienfest noch immer so häufig bei den Frauen liegt. Denn das Bedürfnis nach Ruhe und Rückzug lässt sich schwer ernst nehmen, solange wir gleichzeitig dafür zuständig bleiben, dass es allen anderen an nichts fehlt. Wer sich selbst einen Platz in der sogenannten besinnlichen Zeit zugestehen möchte, muss mitunter auch Erwartungen enttäuschen, die über Jahre selbstverständlich geworden sind.
Beginnt die Besinnlichkeit womöglich genau dort, wo Frauen aufhören, für die Besinnlichkeit aller anderen zuständig zu sein?
Alte Bräuche, eigene Wege
Wer Samhain heute bewusst erleben möchte, kann an alte Bräuche anknüpfen oder eigene Formen des Erinnerns und Innehaltens finden. Eine Kerze für einen verstorbenen Menschen, ein gemeinsames Essen, alte Fotografien, Geschichten aus der Familie oder ein Spaziergang durch die herbstliche Landschaft können dieser Zeit einen persönlichen Ausdruck geben.
Dabei müssen wir weder jeden überlieferten Brauch übernehmen noch aus Samhain ein aufwendiges spirituelles Ereignis machen. Moderne Rituale haben ebenso ihren Platz wie die Entscheidung, auf ein Ritual ganz zu verzichten. Manche Frauen möchten ihrer Verstorbenen gedenken, andere beschäftigen sich mit einem Abschied, der noch immer schmerzt. Wieder andere genießen die herbstliche Landschaft, verbringen Zeit mit vertrauten Menschen oder erleben diesen Tag wie jeden anderen. Entscheidend ist nicht die äußere Form, sondern die Bedeutung, die wir selbst darin finden.
Gerade in spirituellen Zusammenhängen entstehen allerdings manchmal Erwartungen, die erstaunlich vertraut klingen. Wir sollen loslassen, vergeben, unsere Schatten bearbeiten, alte Muster auflösen und am besten gleich noch unsere höchste Version verwirklichen. Als hätte selbst die dunkle Jahreshälfte einen Katalog persönlicher Entwicklungsziele abzuarbeiten.
Ich sehe darin einen Widerspruch zu dem, was mich an Samhain berührt. Die Natur folgt ihrem Rhythmus. Sie verlangt von einem Baum, der seine Blätter verliert, schließlich auch keinen schriftlichen Nachweis über seine persönliche Weiterentwicklung.
Wenn wir uns mit Samhain beschäftigen, können wir die Geschichten, Bräuche und Bilder dieser alten Schwellenzeit aufgreifen, ohne daraus neue Verpflichtungen abzuleiten. Nicht jede Erinnerung verlangt nach einem Ritual, nicht jede Verletzung nach Vergebung und nicht jeder Übergang nach einer tiefgreifenden Erkenntnis. Wir können uns mit dem beschäftigen, was uns bewegt, ohne es verändern, bewältigen oder in etwas vermeintlich Wertvolles verwandeln zu müssen.
Was ich von Samhain mitnehme
Wenn ich heute auf Samhain blicke, sehe ich weit mehr als ein altes Fest am Beginn des Winters. Ich denke an die Feuer, an denen Menschen zusammenkamen, an die Geschichten von der Anderswelt und an die Erinnerung an jene, die vor uns gelebt haben. Auch die alten Frauengestalten gehören für mich zu diesem Weg, jede mit ihrer eigenen Geschichte und jener Unbequemlichkeit, die ich an ihnen so schätze.
Vor allem aber begegnet mir in Samhain die Erfahrung, dass unser Leben aus Übergängen besteht, die wir weder vollständig planen noch in ihrer Bedeutung immer sofort begreifen können. Manche erwarten wir voller Vorfreude, andere treffen uns unvorbereitet. Mit zunehmendem Alter wird unsere Geschichte vielschichtiger. Wir tragen Erinnerungen an glückliche Jahre ebenso in uns wie an schmerzhafte Abschiede, an Entscheidungen, auf die wir stolz sind, und an Erfahrungen, die wir uns lieber erspart hätten.
Ich möchte diese Erfahrungen weder gegeneinander aufrechnen noch jedem Verlust nachträglich einen höheren Sinn verleihen. Was schmerzhaft war, darf schmerzhaft bleiben, und was schön war, behält seinen Wert, auch wenn es längst vergangen ist. Zugleich möchte ich darüber nicht vergessen, dass auch das Leben, das heute vor mir liegt, meine Aufmerksamkeit verdient. Es ist genau das, was mich an Samhain so anspricht: Diese alte Schwellenzeit verlangt keine Antworten auf alle Fragen, die das Leben uns stellt. Sie führt meinen Blick auf die Vergänglichkeit, auf das, was hinter mir liegt, und auf die Tatsache, dass ich selbst Teil dieses fortwährenden Wandels bin.
Dafür brauche ich weder ein vollkommenes Ritual noch die Gewissheit, was die kommende Zeit bringen wird. Manchmal genügt es mir, eine Kerze anzuzünden, den Herbstwind zu spüren und einen Augenblick lang wahrzunehmen, wo ich derzeit stehe.
Draußen wird es dunkel. Die Welt verändert ihre Gestalt.
Und irgendwo in dieser Dunkelheit brennt ein Feuer.
Es vertreibt die Dunkelheit nicht. Es brennt mitten in ihr.
